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Narrativ

Kurz vor Ostern verschwand ein kleiner Junge aus seinem Elternhaus. Simon war zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt. Seine Eltern waren zu Tode besorgt und sein Vater, Andreas Unverdorben, lokaler Gerber, organisierte gemeinsam mit seinen Freunden eine Suche. Diese blieb allerdings erfolglos. Daraufhin wandte er sich an das Oberhaupt der Stadt, Fürstbischof Johannes Hinderbach. Jener versprach umgehend seine Hilfe und entsandte die Männer des Bürgermeisters. Man ließ keinen Stein auf dem anderen, durchsuchte jeden Winkel der Stadt und der unmittelbaren Umgebung, einschließlich des Ufers des nahegelegenen Flusses.1
Rasch verbreitete sich das Gerücht, die Juden der Gemeinde wären schuld an dem Verschwinden des Kindes. Da noch Tage später Simon spurlos verschwunden blieb, flehte Andreas, angestachelt durch die Gerüchte, Bischof Hinderbach an, auch das jüdische Viertel zu durchforsten. Sehr zum Leidwesen des Vaters und all jener Hetzer*innen blieb auch diese Suchaktion erfolglos. Alarmiert entschieden sich die Jüdinnen und Juden, ihre eigenen Grundstücke gründlich zu untersuchen, sich dem stets über ihrem Haupt schwebenden Damoklesschwert schmerzhaft bewusst. Zu ihrem großen Entsetzen fanden sie den geschundenen Leichnam des kleinen Simon im Bewässerungsgraben, unter dem Haus Samuels, welches zugleich als Synagoge fungierte. Wie sollten sie nun vorgehen? Den Leichnam verstecken oder der Obrigkeit ihren Fund mitteilen? Egal, wie man es drehte oder wendete, es war unausweichlich, dass die jüdische Bevölkerung, wie so oft, als Sündenbock dienen würde. Nichtsdestotrotz trat Samuel, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, in der Hoffnung, dass man sein Geschlecht verschonen würde, an die städtische Autorität heran und berichtete von ihrem grausamen Fund. Nahezu unverzüglich begaben sich die Autoritäten zum Fundort und bargen den leblosen Körper Simons. Zu diesem Zeitpunkt war ein großer Teil der Trienter Bevölkerung eigentlich bereits von der Schuld der Jüdinnen und Juden überzeugt. Besiegelt wurde das Schicksal der jüdischen Gemeinde allerdings, als man Simons Leichnam aus dem Wasser zog und den Juden präsentierte. Unmittelbar darauf sollen die brutalen Wunden, die Simon der Legende zufolge erlitten hatte, erneut zu bluten angefangen haben. Es war für diejenigen, die es glauben wollten, ein Wunder und so gesehen Simons letzter Akt, der die vermeintlichen Täter ihrer Schuld überführte.2

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