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Der Tiberinus-Brief

Johannes Matthias Tiberinus gilt als einer der wichtigsten Initiatoren der Ritualmordlegende von Trient. Er wurde 1420 in Chiari in der Nähe von Brescia geboren und studierte, bevor er nach Trient zog, Medizin in Pavia. Er war der bischöfliche Leibarzt und legte zusammen mit dem Arzt Arcangelo Balduini und dem Chirurgen Christoferus de Fatis de Telaco ein medizinisches Gutachten zu der Leiche von Simon vor.1
Seine bedeutendste Schrift ist ein Brief an seine Heimatstadt Brescia, in dem er die Ereignisse der Blutbeschuldigung schildert. Dieses Werk entwickelte sich zu der wichtigsten Propagandaschrift des Trienter Prozess. Seine Erzählung wurde an verschiedenen Orten in Italien und Deutschland gedruckt und erreichte in kurzer Zeit 15 Ausgaben. Diese sind vom Inhalt alle ähnlich, doch wurden in einigen Ausgaben, wie in der Nürnberger Ausgabe von dem Drucker Friedrich Creußner, noch aufwendige Illustrationen hinzugefügt. Ebenfalls findet man in einigen wenigen Ausgaben 25 Wunder Simons, die aus – einer der berühmtesten Sammlungen von Wundergeschichten aus dem 14. Jahrhundert – den libri miraculorum stammen.2
Das Datum des ersten Briefes von Tiberinus ist nicht bekannt, doch wurde die früheste Ausgabe wohl am 19. Juni 1475 in Rom gedruckt, was großes Aufsehen unter der jüdischen Bevölkerung und bei einigen Fürsten erregte, die sich daraufhin an den Papst wandten. Am 9. Februar 1476 folgte anlässlich des Prozessabschlusses die Historia completa.3
Die Erzählung des Tiberinus-Briefs beginnt mit einer Anrede an die „Großmechtigen“ und das Volk von Brescia, Tiberinus´ Heimatstadt, worauf eine Lagebeschreibung von Trient und die Beschreibung der jüdischen Familien folgt. Danach wird erzählt, wie die Juden angeblich einen Plan zur Entführung und Durchführung eines Ritualmordes entwickeln. Das Ganze wird in drei Etappen ausgearbeitet: zunächst werden die Lesenden in die Thematik der Bräuche von angeblichen jüdischen Ritualmorden eingeführt, danach wird in der zweiten Phase beschrieben, wie die Juden versuchen, den Diener Lazarus zu der Entführung eines Jungen zu überreden. Dieser wehrt sich jedoch gegen die Tat und verlässt das Land. In der letzten Phase wird der jüdische Arzt Tobias dazu überredet, die Tat zu vollbringen. So werden in der Tiberinus-Erzählung immer wieder Stereotypen wie jenes vom „Juden als Wucherer“ aufgegriffen oder die Juden als Personifikation von Bosheit, scheinbar belegt durch die Erpressung von Tobias. Nach der Überredung wird die Entführung Simons geschildert und die darauffolgende Ankunft im Haus Samuels sowie die Vorbereitung auf das angebliche Martyrium. Vor diesem Abschnitt gibt es einen Einschub, in dem die Suche nach Simon und die Sorge der Eltern geschildert werden, worauf ein langer Bericht über die angebliche Folterung des Simon folgt. Hier wird der Junge festgehalten und entkleidet. Moses soll das Kind mit einer Zange und einem Messer verletzt und Hautstücke herausgezogen zu haben, die er in einen Becher oder eine Schüssel legte, während die anderen ihn mit Nadeln durchlöcherten. Nach dem Martyrium soll die Leiche im Keller versteckt worden sein. Während die Familie nach dem Jungen sucht, verspotten die Juden den Leichnam und beraten darüber, wie sie diesen entsorgen könnten.
Sie entschließen sich, so das Narrativ, ihn in den Graben unter Samuels Haus zu legen. Dieser wird jedoch gefunden und die Juden festgenommen. Danach werden die ersten Wunder geschildert, während in den folgenden Abschnitten die angeblichen Handlungen der Juden noch einmal genauer dargestellt werden.4
Tiberinus‘ Werk galt als das Vorbild vieler Schriften, die über die Blutbeschuldigung von Trient erzählen. Auch wurde seine Erzählung als Vorlage für einige Jesuitentheater genutzt, wie beispielsweise das Stück Puer Tridentinus a Iudaeis occisus, das 1602 von dem Schweizer Jesuiten Kaspar Rhey geschrieben und in Augsburg aufgeführt wurde.5

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