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Der Fall Buschoff

Xanten. Gerne „die Perle am Niederrhein“ genannt, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts Schauplatz eines grässlichen Verbrechens. Ein vermeintlicher Ritualmord am 29. Juni 1891, dem Peter- und Paulstag, sollte die Gemüter in der kleinen Stadt schnell erhitzen und ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der Blutbeschuldigungen aufschlagen.
Johann Hegmann, ein Knabe von gerade einmal fünf Jahren, kam an jenem Tag nicht, wie üblich, um 10.30 Uhr vom Spielen mit den Nachbarskindern nach Hause. Die beunruhigte Mutter ließ kurze Zeit später mit Hilfe der Nachbarschaft nach dem Jungen suchen. Das Unterfangen stellte sich allerdings als vergeblich heraus. Erst um 18.30 Uhr am gleichen Tage wurde Johann durch Zufall von einer Dienstmagd in der Scheune von Wilhelm Küppers aufgefunden – auf dem Rücken liegend mit durchtrennter Kehle.1 Schnell wurden die zuständigen Behörden über den Fall informiert und trafen kurze Zeit später am mutmaßlichen Tatort ein.
Noch am gleichen Tag fingen die Spekulationen an. Wer konnte einem kleinen Kind nur etwas so Schreckliches antun? Ein Verdächtiger war schnell gefunden: Der 50 Jahre alte Adolf Wolff Buschhoff. Nicht nur, dass dieser in der direkten Nachbarschaft der Küpperschen Mühle wohnte, auch der Umstand, dass er der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörte und für diese jahrelang als Schächter in Xanten tätig war, ließen ihn schnell zum Hauptverdächtigen werden.2 Die Beschuldigungen innerhalb der kleinen Dorfgemeinschaft wurden zusätzlich durch die Berichterstattung in den Medien angeheizt. Antisemitische Blätter rissen sich um jede kleinste Neuigkeit und versuchten alles, um Buschhoff zu diskreditieren. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Märchen vom bestialischen Metzger und Viehhändler Buschhoff aus Xanten, der einen kleinen Christenjungen für rituelle Zwecke hinrichtete, um sein Blut zur Herstellung von Mazzen, einem jüdischen Brot, zu verwenden.3 Selbst im preußischen Abgeordnetenhaus wurde zweimalig über den Fall Buschhoff debattiert. Über ein Jahr lang schaffte es der Ritualmordvorwurf aus Xanten, die Gemüter zu bewegen, bevor es zu einem Prozess vor dem Klever Landgericht kam. Und auch nach dem Prozess war die Stimmung zwischen Juden und Nicht-Juden in der Stadt am Niederrhein angespannt. Die jüdische Bevölkerung nahm Jahr für Jahr ab: 1895 lebten unter insgesamt 3.453 Einwohnern gerade einmal 46 Jüdinnen und Juden. Im Jahr 1930 waren es sogar nur noch 19 Personen. Es kam zu zwei schweren Pogromen in den Jahren 1891/92 und 1938. Während des Novemberpogroms 1938 zerstörten SS-Angehörige aus Geldern den Innenraum der Synagoge und Wohnungen der jüdischen Einwohner.
Auch heute findet man in der Stadt Hinweise auf den damaligen Antisemitismus wie die seit 2019 an der Scharnstraße hängende Gedenktafel, die an diesen Tag erinnern soll. Anzeichen für die Ermordung von Johann Hegmann jedoch findet man kaum, wenn man nicht bewusst danach sucht.

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