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Die Antisemiten bleiben hartnäckig

Viele konservative Zeitungen, wie die Germania und die Kreuzzeitung, waren gegen den Freispruch der Familie Buschhoff und die Justiz wurde der Bestechlichkeit und Judenfreundlichkeit bezichtigt.
In den folgenden Wochen und Monaten nach dem Prozess kam es immer wieder zu antisemitischen Ausschreitungen, zum Beispiel in den Kreisen Neuss und Grevenbroich. Dort wurden jüdische Friedhöfe verwüstet, mit Blut beschmierte Steine in jüdische Häuser geworfen, Fenster und andere persönliche Gegenstände zerstört. Es kam auch zu neuen Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden, wie zum Beispiel 1893 in Kempen, 1898 in Issum und 1901 in Kleve.
Die sogenannten Judenlieder sind manchen heute noch als Volkslieder bekannt. Sie tauchten kurz nach der Ermordung Johann Hegmanns an Xantener Schulen auf und verbreiteten sich von da aus unter der gesamten Bevölkerung. Sie erlangten einen so hohen Bekanntheitsgrad, dass sogar ausländische Medien über sie berichteten. Dort wurden die Schmählieder zuweilen als harmlos abgetan. Wie harmlos diese Lieder wirklich waren, zeigen die Bekanntmachungen des Bürgermeisters, welcher versuchte, gegen das Singen der Lieder und ihre Verbreitung vorzugehen. Der Mord in Xanten und die daraus resultierenden Lieder zeigen, dass der Antisemitismus in der Populärkultur verankert war.
Dieser Antisemitismus blieb auch in späteren Jahren virulent. Er wurde immer wieder gezielt von Agitatoren aufgegriffen und weiterverbreitet. So konstruierte der Nationalsozialist Hellmut Schramm in einem Buchkapitel zur Xantener Blutmordbeschuldigung eine Verschwörungstheorie rund um den Freispruch des Angeklagten. Er interpretierte diesen als Resultat eines „ungeheuren jüdischen Einfluß[es]“.1

Exponate zum Thema

„Judenlied“ – eine Zeitzeugin erinnert sich - Interview mit Frau Thyssen, die zur Zeit des sogenannten Knabenmords in Xanten gelebt hat. Sie erzählt von einem „Judenlieder“, das damals in der Öffentlichkeit gesungen wurden. Trotz der langen zeitlichen Distanz kann sie sich an den Liedtext noch erinnern. Die Gesprächssituation zeigt auch, wie zwiespältig die Erinnerung bei der Interviewten ausfällt: Sie glaubt nicht an Buschhoffs Schuld, rezitiert das Lied aber mit einer gewissen Unbedarftheit, die kaum dem Ernst des Ritualmordvorwurfs entspricht.
Quelle: Digitalisat einer Tonbandaufnahme, vermutlich um 1960. Stadtarchiv Xanten. Mit freundlicher Genehmigung:

Schmählieder – Diese beiden antisemitischen Lieder kursierten damals an Xantener Schulen und sind eine offensichtliche Anspielung auf den Mord in Xanten. Die Texte lassen auf die aufgeladene Stimmung unter der Bevölkerung schließen; es kam sogar zu Ausschreitungen gegenüber jüdischen Mitbürgern. Die Melodie, die nicht mehr rekonstruiert werden kann, wird vermutlich zur Verbreitung der Lieder beigetragen haben, deren Texte sind teilweise noch heute bekannt.
Quelle: Stadtarchiv Xanten. Ohne Signatur. Video eigene Aufnahme: