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Das Lauffeuer verbreitet sich in der nationalen Presse

Es dauerte nicht lange, bis der angebliche Blutmord auch auf nationaler Ebene zu einem hohen Bekanntheitsgrad gelangte.
Unter dem mysteriösen Titel Der Fall Buschhoff. Untersuchung über den Xantener Knabenmord. Von einem Eingeweihten erschien wohl eine der bedeutendsten Hetzschriften über den Ritualmordvorwurf aus der Stadt am Niederrhein. Die Hetzschrift verbreitete sich von Berlin aus über das ganze Reich. Ihr anonymer Autor versucht anhand unterschiedlicher Zeitungsartikel aus der antisemitischen Presse Buschhoffs angebliche Schuld zu belegen. Wirkliche Beweise hat er indes nicht. Bedeutsam ist ebenfalls der Umstand, dass der Verfasser des Traktats seine Herkunft zu verschleiern sucht. Bis heute weiß man nicht, wer die Schmähschrift verfasst hat. Allerdings ist bekannt, wer für die Verbreitung der Schrift verantwortlich war. Vor dem Landgericht Berlin musste sich der Verleger der Zeitung Das Volk und Inhaber der Vaterländischen Verlags-Anstalt Heinrich Oberwinder wegen der Broschüre vor Gericht verantworten. Interessanterweise wurde er nicht wegen des Ritualmordvorwurfs oder der Verleumdung Buschhoffs, sondern wegen der dort formulierten Kritik an Staatsanwalt und Untersuchungsrichter angeklagt. Heinrich Oberwinder wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.1 Allerdings unterschreibt der Autor seine Einleitung mit „Xanten, Ende Januar 1892“, woraus sich zweierlei ableiten lässt. Zum einen scheint der Autor nahe am Geschehen gewesen zu sein, zum anderen scheint der Verweis auf Insiderwissen („Von einem Eingeweihten“) nicht nur der Verkaufsförderung zu dienen: Der Text wurde einige Monate vor dem Prozess im Juli 1892 abgeschlossen, so dass er auch der Stimmungsmache und Einflussnahme auf das Verfahren diente.2 Der Verfasser appelliert „an alle Leute von Herz“, dabei „mitzuwirken, daß die Geschworenen zwischen Buschhoff und dem Sühne heischenden Schatten des getöteten Knaben entscheiden mögen“.3
In der Affäre Buschhoff verwischten die Grenzen zwischen konservativen, christlichen und antisemitischen Blättern, so dass sie von ihren Inhalten kaum zu unterscheiden waren. Besonders das Zentrums-Organ Germania und die konservative Kreuzzeitung verbreiteten antijüdische Propaganda.4 Die Kreuzzeitung galt als Sprachrohr der Oberschicht und war deshalb einflussreich, obwohl ihre Leserschaft nur aus 10.000 Abonnenten bestand. Das konservative Blatt vertrat durchweg antisemitische Positionen, insbesondere in der Zeit von 1881-1895, als der bekennende Antisemit Wilhelm von Hammerstein als Redakteur fungierte. Eben dieser wurde 1895 auf Grund von Betrug aller seiner Ämter enthoben und musste für drei Jahre ins Gefängnis.5 Die Germania/Zeitung für das deutsche Volk wiederum ist als Parteizeitung der Zentrumspartei gegründet worden. Sie war im Fall Buschhoff ein herausragendes Medium der Ritualmordhetze gegen den Angeklagten und die deutschen Juden.6 Ein besonderes Beispiel für die antisemitische Berichterstattung der beiden Zeitungen ist die Reaktion auf den Freispruch Adolf Buschhoffs. Es erhob sich ein Sturm der Entrüstung und sie wehrten sich vehement gegen die Freilassung. Man versuchte dies mit der “Bestechlichkeit der Justiz” bzw. familiären Beziehungen des Untersuchungsrichters, dessen Schwiegersohn der Verteidiger der Familie Buschhoffs war, zu erklären. Die Kreuzzeitung ging sogar so weit zu behaupten, dass mit Buschhoffs Freispruch keinesfalls die gesamte jüdische Bevölkerung von den Vorwürfen, dem “Mord aus Blutaberglauben” freigesprochen werden könne.7

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